Jung Heike: Mediation - ein Ansatz zu einer "Entrechtlichung sozialer Beziehungen"?

Erstveröffentlichung in:
Heike Jung, Ulfrid Neumann (Hrsg.), Rechtsbegründung - Rechtsbegründungen. Günter Ellscheid zum 65. Geburtstag, Nomos, Baden-Baden 1999, S. 68-75


I. Die Fragestellung

Ausgangs des 20. Jahrhunderts wird ein Personal- und Paradigmawechsel im Bereich von Konfliktregelungen angeboten: In fast allen Rechtsbereichen tauchen neue Modelle auf, deren gemeinsamer Nenner darin besteht, konsensuale Konfliktregelungen an die Stelle des klassischen konfrontativen Musters des Rechtsstreits treten zu lassen. Eine neue Kultur der Konfliktregelung zeichnet sich ab, die Mediation.

Diese Entwicklung kommt nicht gänzlich unerwartet. Sie ist vorbereitet durch eine seit langem anhaltende Diskussion über die Alternativen zur Justiz und zum Recht. Sie knüpft teilweise an Erscheinungen an, die dem Zivilrecht, speziell dem Arbeitsrecht, längst vertraut sind. Sie stellt sich überdies als eine Neuauflage historischer Diskussionen dar, wie sie etwa um die Figur des Friedensrichters geführt worden sind.[1] Anregende Impulse kommen selbst aus der (nur) scheinbar entfernten Ecke der Rechtsanthropologie.[2]

Sucht man nach den Gründen und ideologischen Quellen, so wird man an den unterschiedlichsten Stellen fündig. Hallt da etwa noch die Auseinandersetzung um sozialistische Modelle der Konfliktregelung nach, wie wir sie in der ehemaligen DDR in der Figur des Gesellschaftsgerichts kannten?[3] Derartige Ansätze waren auch andernorts, sozusagen in ideologisch unverdächtigerem Rahmen, anzutreffen, wie die Beispiele der amerikanischen Neighbourhood Justice Center oder des deutschen "Ahnherren" der Bewegung, des Schiedsmanns,[4] zeigen. Sicher profitiert die Entwicklung von einer verbreiteten Bürokratiekritik, ja, Staatskritik. Geht man noch
weiter, so kann man auch gedankliche Verbindungen zu abolitionistischen Modellen eines Nils Christie[5] und dem Konzept der Lebenswelt eines Habermas[6] herstellen. Aber auch konsumentenorientierte Ansätze oder allgemein der Gedanke einer bürgernahen persönlicheren Konfliktlösung[7] könnten Pate gestanden haben. Insofern handelt es sich also um eine Bewegung, die Anstöße aus vielen Richtungen, teilweise von geradezu bizarren Koalitionen erhalten hat, was wohl auch zu der rechtspolitischen Durchsetzungskraft beiträgt, mit der sich die "Mediation" allerorten bemerkbar macht.

Sie macht sich nicht nur allerorten bemerkbar, sondern sie scheint auch in alle Poren des sozialen Lebens einzudringen, und zwar "autonom", d.h. von der Basis her. Der Aufmerksamkeit aller konnte sie dabei in dem Augenblick gewiß sein, als sie das Strafrecht erfaßte, jenen Teil des Rechts also, der mit seinem starren repressiv punitiven Grundansatz für konsensuale Lösungen am wenigsten zu taugen scheint. Viele Modelle, nicht nur landauf und landab in Deutschland, sondern weltweit - mögen sie Täter-Opfer-Ausgleich, reparation oder conciliation heißen - belehren uns inzwischen eines Besseren bzw. bestätigen jene, die mit Strafrecht immer schon andere als nur repressiv/punitive Gedanken assoziiert haben. Zugegeben: Noch handelt es sich dabei um ein - quantitativ gesehen - marginales Phänomen. Doch qualitativ gesehen werden Fragen aufgeworfen, wie sie grundsätzlicher für das Strafrecht nicht gestellt werden können. Denn im Grunde wirft Mediation die Frage nach der Funktion von Recht und seiner Regelungsinstrumente auf.

Dies müßte eigentlich ganz nach dem Geschmack von Günter Ellscheid sein. In seinem Beitrag über " Die Verrechtlichung sozialer Beziehungen als Problem der praktischen Philosophie"[8] nähert er sich der Frage gewissermaßen von der anderen Seite her. Es geht ihm um die Wirkung des Konzepts von Recht auf Ablauf und Aufbau von Interaktionsprozessen, um die Wirkung von Verrechtlichung, um den Umschlag von Interaktionen des sozialen Nahraumes in Rechtsverhältnisse. Als solche ursprüngliche (soziale) Interaktionsmuster werden z.B. Verständnis und das unbedingte kommunikative Bemühen um Problemlösung angesprochen, womit wir im Grunde mitten in unserem Thema sind.

Ich beabsichtige nicht, mich lange mit einer begrifflichen Einordnung und einer klassifizierenden Beschreibung der einzelnen Modelle von Mediation aufzuhalten, sondern nehme zunächst eine gewisse Unschärfe in Kauf, wobei ich die eine oder andere Klarstellung nachliefern werde. Es geht mir auch nicht darum, das rechtsvergleichende Panorama unterschiedlicher Modelle vorzuführen, sondern es geht mir um das Verhältnis der Mediation zum Recht. Dennoch sei vorausgeschickt, daß ich unter Mediation einen Handlungsrahmen und einen Vorgang verstehe, der auf konsensuale Lösung eines Konfliktes zwischen mehreren Beteiligten unter Mitwirkung eines unbeteiligten Dritten ohne Entscheidungskompetenz[9] angelegt ist.

II. Mediation und Recht

Man kann die Mediationsmodelle und ihre z.T. unterschiedliche "operational philosophies" gut und gerne nach dem Stichwort "Justiznähe - Justizferne" klassifizieren.[10] Ein solcher Maßstab erlaubt es, zu grundsätzlichen Aussagen über das Verhältnis von Mediation und Recht zu gelangen. Auch in den Erklärungsversuchen schimmert diese Problematik durch, wenn die einen betonen, daß es sich um eine autonome Entwicklung handele und die anderen die Justiz selbst in einer Generatorfunktion sehen, nicht zuletzt weil sie damit die Erwartung verbindet, einen Teil ihrer Arbeitslast abschütteln zu können. Im Kern geht es eigentlich darum, ob es sich um eine neue Arbeitsmethode der Justiz oder um einen ganz anderen als den justitiellen Ansatz handelt, oder, in der bekannten Sprachregelung, darum, wie alternativ eigentlich Alternativen zur Justiz sein können und dürfen, eine Fragestellung, so die zutreffende Einschätzung Seelmanns, von der wir gerade auch Erkenntnisse über das Recht selbst erwarten dürfen.[11] Die Beschreibungen, die wir für das Verhältnis der Mediation zur Justiz im Schrifttum finden, sind, wie zu erwarten, ambivalent und widersprüchlich. Ich beschränke mich auf eine kleine Auswahl: "La médiation est une justice qui n'en est pas une ... La médiation est un mode opératoire qui trouve sa légitimité dans l'injustice d'une justice qui risque d'aller jusqu'au bout de son droit". So die Einordnung von Bonello.[12] Sie trennt Mediation und Justiz zwar voneinander, behält aber eine unterschwellige Verbindung bei. Bonafé-Schmitt will sich offenbar nicht endgültig festlegen, wenn er von der "substitution d'un mode conflictuel par un mode consensuel" spricht.[13] Geht es hier nur um eine andere Methode innerhalb desselben Regelungssystems? Ist ein Begriff wie Regelungssystem nicht von vornherein inadäquat zur Erfassung des Charakters der Mediation? Schließlich handele es sich, so meint jedenfalls Coppens,[14] um eine autonome Erscheinung. Sie müsse demnach völlig aus dem justitiellen Rahmen heraustreten, wenn sie die Hoffnungen erfüllen soll, die man auf sie setzt. Ihre Institutionalisierung sei folglich der Todesstoß. Dagegen halten Cappelletti/Garth es nicht für denkbar, oder besser machbar, sie vom Rechtssystem abzukoppeln: "We cannot conclude, however, with an either / or assertion about independence. Conciliation systems cannot be completely independent from or completely dependent on the ordinary legal system."[15] H.J. Albrecht will gar eine Kausalkette zwischen der Funktionstüchtigkeit von informellen Alternativen und der Möglichkeit des Rekurses zur staatlichen Justiz ausmachen.[16] Ganz in diesem Sinne schlägt de Munck eine versetzte Abfolge vor und spricht von einer untrennbaren Sequenz.[17]

Man gewinnt jedenfalls den Eindruck, daß von der Existenz der Mediation gewissermaßen moralische und demokratische Impulse für die Justiz ausgehen. Umgekehrt erscheint die Existenz dieser Justiz geradezu als eine Erfolgsbedingung für die Mediation.

III. Günter Ellscheids mutmaßlicher Standpunkt

Auf welche Seite wird sich nun Günter Ellscheid schlagen? Wird er sich den neo-romantischen Visionären zugesellen, die mit der Mediation einen Traum der heilen Gesellschaft verwirklichen wollen? Solche globalen ideologischen Rezepte sind ihm, meine ich, fremd. Er wird wohl auch nicht übersehen können und wollen, daß es zwischen beiden Regelungskreisen Berührungspunkte gibt, ja geben muß. Des Illusionismus und des Realitätsverlustes wird man ihn sicher nicht zeihen können. Dies vorausgeschickt, möchte ich Günter Ellscheid als Parteigänger des Modells weitestgehender Autonomie und Souveränität der Mediation einordnen. Er will sie aus eigenem Recht ernst genommen und nicht als sanfter Regelungsmechanismus von der staatlichen Justiz instrumentalisiert und schlußendlich absorbiert wissen. Ich wage noch nicht darüber zu urteilen, ob dies eher ein trennendes oder ein verbindendes Denken ist,[18] Solche Einordnungen werden gerne für das Verhältnis von Zivilrecht und Strafrecht und damit binnensystematisch beansprucht. Eher wird es Günter Ellscheid darum zu tun sein, einem ganz anderen Denken zum Durchbruch zu verhelfen, und Freiraum für ganz andere soziale Interaktionsmuster zu schaffen.

Worauf gründen sich meine Vermutungen? Ich könnte mich auf "private Mitteilungen" zurückziehen. Das ist bei Günter Ellscheid immer richtig. Ich bin immer wieder von seinen "privaten Mitteilungen" inspiriert worden. Ich meine aber, darüber hinaus auch seinen Schriften klare Hinweise entnehmen zu können, vor allem dem schon erwähnten Beitrag über "Die Verrechtlichung sozialer Beziehungen als Problem der praktischen Philosophie". Zwar fallen die Begriffe Mediation und Schlichtung dort nicht. Doch im Zentrum des Beitrages steht die Interaktion zweier Regelwerke, steht die Frage, was das "Sichbeziehen auf Recht" eigentlich bedeutet. Was nun Günter Ellscheid namentlich zu letzterem feststellt, kann man spiegelverkehrt als Aussage über Alternativen zum Recht, zur Mediation, interpretieren.

Recht, heißt es da, zeige die Grenze einer sich selbst regulierenden Vertrauensbeziehung an.[19] Richter seien ihrer Funktion nach im modernen Rechtssystem nicht weise Männer, die kraft ihrer auf Lebenserfahrung basierenden Autorität den richtigen Weg aus der Krise zeigen würden. Der Rekurs zur richterlichen Instanz drohe selbst dann, wenn er nur seine Schatten vorauswerfe, das ursprüngliche Interaktionsmuster zu zerstören.[20] Im Übergang von den Erwartungen im Rahmen einer als rechtsfrei verstandenen Gemeinschaft zum rechtlichen Denken und Reden in Ansprüchen werde die Sphäre des Juristischen, ..., als eine Welt der Verdrehungen erlebt.[21] Recht stelle eine interaktive Alternative zu spontanen oder sedimentierten Interaktionsmustern des menschlichen Nahbereichs dar.[22] Daß dabei Recht die sich anbietende Alternative beim Zusammenbruch von Solidaritätsverhältnissen sei, habe seinen Grund zum einen darin, daß es die Möglichkeit biete, jene Beziehung und ihre Interaktionsmuster auszuwechseln gegen ein System rational kontrollierbarer Abwehr- und Forderungsrechte und daran gekoppelten kontrollierten Zwang; zum anderen verhindere Recht, daß der Zusammenbruch der Solidarität zu ungeregelter Gewalt führt, ....[23] Und schließlich sein Fazit mit Bezug auf jene mehrfach beschworene Solidarität: Das Band freiwilliger Solidarität werde verrechtlicht und damit eher ersetzt als vollendet, die Verrechtlichung sozialer Beziehungen, das Einpassen des Menschen in eine seine Unabhängigkeit ermöglichendes Netz von Ansprüchen und Abwehrrechten verändere den Stil der Interaktion tiefgehend und lasse das Gefühl für die soziale Verflechtung im Gegenzug schrumpfen.[24] Man stelle sich nur mehr allein auf das (subjektive) Recht ein. Diesem aber gelten nachdenkliche Vorbehalte. Der Sinn für die Grenzen der Leistungsfähigkeit der Verrechtlichung müsse geschärft werden. Günter Ellscheid schließt mit der nach allem schon fast rhetorischen Frage danach, ob wirklich die Tugenden des menschlichen Nahbereichs oder auch der Fernstenliebe von der Perfektion einer verrechtlichten Gerechtigkeit abgelöst werden sollten, selbst wenn dies machbar wäre.

Günter Ellscheid geht also von der Existenz zweier Regelungskreise aus, wobei der Begriff "Regelungskreis" zur Bezeichnung des einen eigentlich fehl am Platze ist. Gemeint sind jene Beziehungen, die sich auf zwischenmenschliche Solidarität gründen. Hier fallen Begriffe wie Freundschaft, Nahbereich, Familie, aber auch, ein Grenzfall, das Arzt-Patient-Verhältnis. Es geht also um sich selbst steuernde soziale Beziehungen. Das Recht - und dies ist eine bemerkenswerte Umkehrung des üblichen Sprachgebrauchs - wird als Alternative hierzu beschrieben, auf deren rational kontrollierbares Interaktionsschema man zurückgreift, wenn die von Solidarität getragenen Beziehungen zusammenbrechen. Das solidarische Interaktionsmuster wird dadurch ersetzt. Ja, schon der drohende Rückgriff auf die rechtlichen Instanzen könne sich hierauf zerstörerisch auswirken. Der Verrechtlichung begegnet Günter Ellscheid mit einem gewissen Maß an Skepsis oder sollte man sagen: Er schätzt deren Leistungsfähigkeit realistisch ein.

Bezogen auf Mediation entnehme ich all dem folgende Botschaft:
1. Mediation als Übung in Solidarität verdient den Vorzug vor dem Rückgriff auf das Rechtssystem.
2. Mediation ist vorzugswürdig, solange und soweit an die Selbststeuerungsmechanismen jener sozialen Solidaritätsverhältnisse angeknüpft wird, wobei dieses Potential unter Umständen zuvor wiederbelebt oder -aufgefrischt werden muß.
3. Mediation sollte nicht als Ableger der Justiz oder als eine Justiz minderer Qualität praktiziert werden, sondern sie muß gewissermaßen nach ihren eigenen Regeln ablaufen, an ihren eigenen Maßstäben gemessen werden. Insofern ist Mediation kein System, das nach Rechten und Ansprüchen funktionieren kann.
4. Überhaupt sollte Mediation Distanz zur Justiz wahren. Je mehr sie sich in deren Umklammerung begibt, je mehr diese ihre Schlagschatten vorauswirft, um so weniger wird sich jene Solidarität entfalten können.

IV. Meine Position

Nun wird Günter Ellscheid nicht bestreiten können und wollen, daß in der Praxis unserer Gesellschaften Mischmodelle dominieren. Ich wage, wie gesagt, auch zu bezweifeln, daß er nostalgischen Vorstellungen über frühe Gesellschaftsformen anhängt, Gesellschaften, die sich noch auf den Schamanen verlassen haben. Insofern kann es wohl nur darum gehen, wie die Koexistenz gestaltet werden soll. Hier setzen meine Fragen an ihn an, hier neige ich dazu, die Akzente im Grundsätzlichen etwas anders zu setzen. Sicher muß man sofort zugeben, daß die Träger des Rechtssystems eine geradezu fatale Fähigkeit entwickelt haben, neue Ansätze in ihr System zu integrieren, sie dadurch zu assimilieren und damit letztlich zu ersticken - wie geschehen mit dem Friedensrichter.[25] Sicher hat Günter Ellscheid recht, wenn er darauf verweist, daß der Rekurs auf das Recht soziale Beziehungen bis zur Unkenntlichkeit zu deformieren vermag. Er hat auch dann noch recht, wenn er auf die Gefahren aufmerksam macht, das Recht als gigantisches soziales Entlastungsmanöver zu handhaben. Natürlich kann auch ich mir die befreiende Wirkung einer von rechtlichen Erwägungen abgekoppelten Mediation vorstellen. Natürlich bin auch ich fern davon, die Kontrolleistung des Rechts zu überschätzen. Natürlich möchte auch ich die zwischenmenschliche Solidarität nicht unter dem Regelwerk juristischer Vorschriften erdrückt wissen. Dennoch: Im Zweifel halte ich es, wenn es um ein Orientierungsmodell für größere Funktionseinheiten geht, mit Schüler-Springorums Feststellung: "The best society can do for its members is giving them rights, because it is the most organised form of valuing them as human beings."[26]

Und was in unserem Zusammenhang das eigentlich Bedeutsame ist: Auf die Vorstellung, wonach Mediation in einem völlig rechtsfreien Raum ablaufen sollte, kann ich mich nicht einlassen. Ich will im folgenden erklären warum. Für mich stellt sich bei solchen Interaktionen im Schatten eines strafrechtlichen Vorwurfs immer auch die Machtfrage. Macht aber bedarf der Kontrolle, gleichgültig, von wem sie ausgeübt wird.[27] Sozialarbeiter sind genauso anfällig gegen Machtmißbrauch wie Juristen, Laien sind davor ebenso wenig gefeit wie Profis. Recht ist aber nach wie vor das am weitesten entwickelte friedliche Mittel des sozialen Ausgleichs und der Kontrolle von Macht. Wenn wir mit diesen Überlegungen an Mediation herantreten, so folgt daraus nicht zwangsläufig, daß es sich eben doch nur um eine andere Methode justitieller Konfliktbewältigung handelt. Es folgt daraus auch noch nicht, daß ganz bestimmte Formen der Supervision durch den Rechtsstab vorgegeben seien und streng juridifiziert werden müßten. Mir geht es eher um eine Richtungsentscheidung. Sie läuft darauf hinaus, daß wir weiter nach den praktischen Kompromissen suchen müssen, die der Mediation einerseits so viel Flexibilität wie möglich belassen, damit sie ihre solidarische Funktion erfüllen kann,[28] sie aber andererseits auf die menschenrechtlichen Anforderungen an Rechtspflege verpflichten.

Die Wortwahl "menschenrechtlich" ist bewußt erfolgt. Es geht nicht um irgendwelchen prozeduralen Kleinkram, sondern um Grundanforderungen an Verfahren, man könnte auch sagen, an vorgegebene Interaktionsabläufe in einem Gemeinwesen. Oder soll eine Mediation "unfair" sein dürfen? Derartig gefragt wird niemand mit "ja" antworten. Damit ist jedoch noch nicht ausgemacht, was aus dem Fairnessgebot folgt. Ich verstehe darunter: Freiheit von Zwang und Druck, die Möglichkeit, sich eines Beistands bedienen zu können, überhaupt Gehör zu finden. Schwieriger wird es schon bei der Frage der Unschuldsvermutung. Die Antwort erschließt sich aus der Sicht des nachfolgenden Verfahrens. Sie kann nur lauten, daß das "Mediationsgeschehen" "neutralisiert" wird, es also nicht zum Nachteil des Betroffenen gereichen darf. Die "Kontrollfrage", über die ich unlängst mit Günter Ellscheid diskutiert habe, ob nämlich das im Ergebnis (vergebliche) Bemühen des Beschuldigten um einen Täter-Opfer-Ausgleich einer erfolgreichen Mediation gleichgestellt werden kann, der gute Wille also für die Tat genommen werden kann, halte ich - jedenfalls was das Ergebnis anbetrifft - für nicht so relevant, weil das Strafrecht auf anderen Wegen (sprich: z.B. Diversion) zum selben Ziel führen kann. Mediation als ein nicht primär täterorientierter Topos zwingt zwar nicht zu einer täterorientierten Gleichbehandlung. Doch erschiene mir eine Rechtsordnung, die nicht doch aus Gründen täterorientierter Spezialprävention vergleichbare rechtliche Folgerungen zu ziehen erlaubt, widersprüchlich in der Bewertung sozialkonstruktiver Elemente.[29]

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat bislang noch nicht zu der Frage Stellung nehmen müssen, ob auf Mediation die justitiellen Garantien des Art. 6 Anwendung finden. Aus den bejahenden Entscheidungen zur "arbitration" wird man wegen der andersgelagerter Zielsetzung nicht zwingend darauf schließen können, daß der Gerichtshof im Falle der Mediation genauso entscheiden wird.[30] Doch vermute ich, daß der Gerichtshof auch hier seinem wirkungsorientierten Auslegungsansatz folgen wird. Festgelegt hat er sich insoweit, als Pressionen auf den Betroffenen, sich auf eine Vereinbarung über die Abwendung des weiteren Verfahrens einzulassen, als ein Verstoß gegen Art. 6 EMRK gewertet wurden. Zwar ist das "right to a trial" verzichtbar, doch wird man an einen solchen Verzicht strenge Anforderungen anlegen müssen.[31]

Zurück zu den Chancen der Entrechtlichung. Sie sind für mich bei weitem geringer als deren Risiken. Insofern überzeugt mich das Vorstellungsbild einer vom Recht völlig abgekoppelten Mediation nicht. Ich sehe darin eher eine Art "situational justice".[32] Diese ist mehr als nur eine moderne Variante der Entscheidung nach equity. Ihre konsensorientierte Philosophie wird man als Zielprojektion für die Justiz selbst um so ernster nehmen können, je plastischer und häufiger die Erfolge der Mediation sichtbar werden. Nichts ist humaner, als aus einem Konfliktmodell aussteigen zu können. Allerdings braucht auch das Konsensmodell gewisse Regeln. Insofern ziehe ich - ganz im Sinne von Seelmanns These - aus der Beschäftigung mit Mediation eine Bestätigung für mein Verständnis der Funktion von Recht. Ich sehe sie nämlich auch, vielleicht sogar primär, in der Kontrolle von Macht.[33]

[1]Dazu am Beispiel der Vorstellungen von Siebenpfeiffer meinen Beitrag, Siebenpfeiffer und das Friedensgericht, in: Wadle (Hrsg.), Siebenpfeiffer und seine Zeit im Blickfeld der Rechtsgeschichte, Thorbecke, Sigmaringen 1991, S. 55.
[2]Vgl. Rouland, Aux confins du droit, Odile Jacob, Paris 1991, S. 101.
[3]Dazu z.B. Eser, Gesellschaftsgerichte in der Strafrechtspflege, Tübingen 1970; Feltes, Die außergerichtliche Erledigung von Konflikten, in: Mohnhaupt/Simon (Hrsg.), Vorträge zur Justizforschung, Bd. 2, Klostermann, Frankfurt 1993, S. 581, 591.
[4]Zum Schiedsmann und dessen Rolle im Strafprozeß z.B. Krüger, Schiedsmann, Privatklage und strafprozessuale Grundsätze, in: Jung (Hrsg.), Alternativen zur Strafjustiz und die Garantie individueller Rechte der Betroffenen. Participatory Models and Individual Rights, Forum, Bonn 1989, S. 225.
[5]Christie, Conflicts as Property, British Journal of Criminology 1977, S. 1.
[6]Vgl. Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Suhrkamp, Frankfurt 1981, Bd. 2, S. 171.
[7]Dazu nur Hoffmann-Riem (Hrsg.), Bürgernahe Verwaltung?, Luchterhand, Neuwied und Darmstadt 1979.
[8]neue hefte für philosophie, Recht und Moral, 17, S. 37-61.
[9]Zu dieser Begriffsbestimmung namentlich Bonafé-Schmitt, Les alternatives à la justice, Juris N° 4, S. 9, 12. Übereinstimmend Marshall, Victim-Offender Mediation, in: Home Office, Research and Statistics Department, Research Bulletin N° 30, London 1991, S. 9.
[10]Näher Jung, Täter-Opfer-Ausgleich. Anmerkungen zu seiner Bedeutung für das Rechtssystem, MschrKrim 1993, S. 50, 53.
[11]Seelmann, Rechtsphilosophie, Beck, München 1994, S. 26.
[12]Bonello, L'injustice, Galilée, Paris 1995, S. 175.
[13]Bonafé-Schmitt (Fn. 9), S. 24.
[14]Coppens, Médiation et philosophie de droit, Archives de politique criminelle 1991, S. 13, 14.
[15]Cappelletti/Garth, Settlement of Disputes out of Court. A Comparative Report on the Trend Toward Conciliation, in: Kötz/Ottenhof (éds.), Les conciliateurs. La Conciliation. Economica, Paris 1983, S. 1, 16.
[16]H.J. Albrecht, Kriminologische Perspektiven der Wiedergutmachung. Theoretische Ansätze und empirische Befunde, in: Eser/Kaiser/Madlener (Hrsg.), Neue Wege der Wiedergutmachung im Strafrecht, Freiburg 1990, S. 43, 55.
[17]De Munck, Le pluralisme des modèles de justice, in: Garapon/Salas (éds.), La justice des mineurs. Evolution d'un modèle, Bruylant 1995, S. 91, 134.
[18]Zu diesem Thema eindrucksvoll Brauneck, Trennendes und verbindendes Denken, in: Festschrift für Arthur. Kaufmann, Müller, Heidelberg 1993, S. 417.
[19]S. 43
[20]S. 44.
[21]S. 44.
[22]S. 47.
[23]S. 55.
[24]S. 60 f.
[25]Dazu Jung (Fn. 1), S. 61.
[26]Schüler-Springorum, Policy in Matters of Juvenile Delinquency, unveröff. Manuskript (1993), S. 27.
[27]Jung, Introductory Report, in: Council of Europe (Hrsg.), Privatisation of Crime Control, Straßburg 1990, S. 7, 13.
[28]Im Sinne von Marshall (Fn. 9), S. 14: "The keynote to mediation is flexibility ...".
[29]Ebenso Ashworth, The Criminal Process, Clarendon, Oxford 1994, S. 152.
[30]Näher zu dieser Problematik Delmas-Marty, Les grands systèmes de politique criminelle, Presses Universitaires de France, Paris 1992, S. 150.
[31]Deweer, Series A N° 35.
[32]So Nader, The Direction of Law and the Development of Extra-Judicial Processes in Nation States, in: Gulliver (Hrsg.), Essays in Memory of Max Gluckman, Leyden 1978, S. 86.
[33]Einzelheiten bei Jung, Sanktionensysteme und Menschenrechte, Haupt, Bern 1992, S. 229.